Remedy stellt seine Wachstumsstrategie neu auf. Der neue CEO Jean-Charles Gaudechon sagt offen, dass Alan Wake und Control zwar viel Kritikerlob bekommen haben, kommerziell aber unter ihren Möglichkeiten geblieben sind. Sein Kernpunkt: Das Studio soll seinen kreativen Stil nicht aufgeben, aber bestehende Marken größer denken und mehr Menschen erreichen.

Das ist ein spannender Kurswechsel, weil Remedy genau für seine klar erkennbare Handschrift bekannt ist: storylastige Singleplayer-Spiele, ungewöhnlicher Ton und starke Atmosphäre. Wenn ein neuer Chef so früh von “mehr Reichweite” spricht, klingt das schnell nach Risiko. Gaudechon betont jedoch das Gegenteil: Er wolle die DNA des Studios nicht austauschen, sondern die vorhandenen Marken besser nutzen.

Was der neue CEO konkret ändern will

Im Gespräch mit The Game Business beschreibt Gaudechon Remedy als Studio mit großem kreativen Potenzial, das wirtschaftlich noch nicht voll ausgeschöpft sei. Er spricht davon, dass die aktuellen IPs „viel mehr geben könnten“ und dass genau dort zuerst angesetzt werden müsse – noch bevor man einfach immer neue Marken startet.

Die Aussage passt zur bisherigen Lage: Alan Wake 2 war zwar laut Berichten Remedys schnellster Seller, brauchte aber lange, um profitabel zu werden. Dazu kommt, dass Projekte wie der Multiplayer-Ableger FBC: Firebreak nicht dauerhaft genug Zugkraft entfalten konnten. Für ein Studio dieser Größe ist das ein wichtiges Signal: Kritischer Erfolg allein reicht nicht, wenn die Reichweite nicht mitzieht.

Gaudechon will deshalb Franchise-Arbeit stärker priorisieren. Das bedeutet in der Praxis vor allem zwei Dinge:

  • bestehende Marken länger und konsistenter begleiten,
  • Zielgruppen außerhalb der bisherigen Kernfans erreichen.

Warum Cross-Media für Remedy jetzt zentral ist

Ein Baustein dafür liegt schon auf dem Tisch: der Deal mit Annapurna Pictures. Die Vereinbarung sieht unter anderem vor, dass Annapurna die Hälfte von Control 2 finanziert und im Gegenzug Film- und TV-Rechte an Control und Alan Wake erhält. Aus Sicht von Remedy kann das zwei Probleme gleichzeitig adressieren: Finanzierungssicherheit und mehr Sichtbarkeit.

Der Gedanke dahinter ist nicht neu, aber aktuell plausibel. Erfolgreiche Adaptionen haben mehrfach gezeigt, dass Serien und Filme Spielereihen wieder in den Mainstream bringen können. Genau darauf setzt Gaudechon: Wer die Marke außerhalb der klassischen Gaming-Bubble sichtbar macht, holt neue Spieler zurück ins eigentliche Produkt – also in die Games.

Für Leser, die vor allem Releases verfolgen, ist der Kontext ebenfalls wichtig: Control Resonant bleibt laut Remedy auf Kurs für 2026. Parallel laufen weiterhin die Max-Payne-Remakes in Vollproduktion. Das Studio hat also mehrere Hebel, um seine Markenpräsenz in den nächsten Jahren zu erhöhen.

Zwischen Kreativanspruch und Marktdruck

Der knifflige Teil ist die Balance. Wenn ein Management stärker auf Größe und Reichweite drückt, fürchten Fans oft eine Verwässerung. Genau deshalb ist Gaudechons Ton interessant: Er spricht nicht davon, Remedy in einen Trend-Producer umzubauen, sondern von besserer Ausschöpfung vorhandener Stärken.

Ob das funktioniert, hängt von der Umsetzung ab. Mehr Reichweite kann heißen, Geschichten zugänglicher zu erzählen, Launch-Fenster klüger zu wählen oder Kommunikation früher zu starten. Es kann aber auch heißen, Produkte zu stark auf Massenmarkt-Mechaniken zu trimmen. Bislang klingt es eher nach ersterem, doch entscheiden wird am Ende die nächste Veröffentlichungswelle.

Wer die Entwicklung bei Publishern und Studios allgemein verfolgt, kennt das Muster: Kosten steigen, Sichtbarkeit wird teurer, und einzelne Flops wiegen schwerer als früher. Dass Remedy darauf mit Franchise- und Cross-Media-Denken reagiert, ist deshalb wirtschaftlich nachvollziehbar – auch wenn es kreativen Gegenwind geben kann.

Wenn du den Branchentrend einordnen willst, passen auch diese Themen: Bungies Abschreibung und Destiny-Druck sowie Entlassungen bei Eidos Montreal. Mehr News findest du im Hub Game News.

Einschätzung

Remedys neue Richtung wirkt nicht wie ein Bruch, sondern wie ein Versuch, kreative Prestige-Marken endlich in stabile Business-Marken zu verwandeln. Wenn das Studio seine Identität hält und Cross-Media nur als Verstärker nutzt, kann der Plan aufgehen. Für Spieler heißt das vor allem: mehr langfristige Investitionen in bekannte Universen – und die Chance, dass Serien wie Alan Wake und Control künftig deutlich größer gedacht werden.

Quelle: Alan Wake and Control “should have sold more”, says Remedy’s newly-appointed CEO