Wer in den letzten Monaten Ubisoft beobachtet hat, kennt vor allem die Schlagzeilen rund um Stellenabbau, geschlossene Studios und gestrichene Projekte. Doch jetzt meldet sich der Konzern mit einer Botschaft, die zumindest eingefleischte Fans aufhorchen lassen dürfte: Ubisoft werkelt gleichzeitig an zwei Far-Cry-Spielen und an einer ganzen Reihe von Assassin’s-Creed-Titeln. Das bestätigte CEO Yves Guillemot höchstpersönlich in einem Interview mit dem US-Magazin Variety – und damit hat aus dem Gerüchteraum nun offizielles Unternehmensgewicht bekommen.

Der Kontext dieser Enthüllungen ist alles andere als trivial. Ubisoft befindet sich mitten in einer tiefgreifenden Umstrukturierung: Der Konzern teilt seine Aktivitäten künftig auf fünf sogenannte „Creative Houses" auf, darunter die neu gegründete Vantage Studios, die in enger Zusammenarbeit mit Tencent agieren und für die großen Franchise-Marken wie Far Cry, Assassin’s Creed und Rainbow Six verantwortlich zeichnen sollen. Guillemot betonte, die Pipeline bei Vantage Studios sei „solide", und ließ durchblicken, dass man mit den kommenden Projekten gezielt auf Wachstum setze.

Beim Thema Far Cry wird es besonders interessant. Schon seit Längerem kursierten Berichte, dass gleich zwei unterschiedliche Spiele in der Mache seien – jetzt ist es amtlich. Das eine ist intern unter dem Codenamen Project Blackbird bekannt und soll den nächsten klassischen, linearen – nein, im Gegenteil: einen ausdrücklich nicht-linearen – Serienteil darstellen. Die Story dreht sich allem Anschein nach um die Entführung der Familie des Protagonisten, und das Ganze spielt sich innerhalb eines Zeitfensters von 72 Spielstunden ab, was in der realen Welt lediglich 24 Stunden entspricht. Ein echter Countdown-Thriller also, der dem Genre frisches Blut verleihen könnte.

Das zweite Projekt nennt sich Project Maverick und stellt einen fundamentalen Kurswechsel dar: Es handelt sich um ein eigenständiges Multiplayer-Spiel im Far-Cry-Universum, das als Extraction-Shooter im Stil von Titeln wie Hunt: Showdown oder Escape from Tarkov konzipiert ist. Als Schauplatz ist die alaskische Wildnis angedacht – rau, unerbittlich, perfekt für die beschriebenen Mechaniken wie Permadeath, ein Rucksack-Inventarsystem und Vertrags-Missionen. Ob Maverick es schafft, das oft überfüllte Extraction-Genre aufzumischen, bleibt abzuwarten, aber allein der Gedanke, einen Far-Cry-Schauplatz mit echten Konsequenzen zu kombinieren, klingt reizvoll.

Auf der Assassin’s-Creed-Seite gibt es ebenfalls Neuigkeiten in beide Richtungen. Einerseits bestätigte Guillemot mehrere Titel in der Entwicklung, sowohl Single-Player-Erfahrungen als auch Multiplayer-Konzepte – die Community wuchs laut eigenen Angaben auf über 30 Millionen Spieler im vergangenen Jahr. Bekannte Projekte wie Project Hexe und das viel diskutierte Black-Flag-Remake sind dabei, aber über konkrete Details schweigt Ubisoft weiterhin. Andererseits wurden im Rahmen der Umstrukturierung zwei Assassin’s-Creed-Projekte gestrichen, darunter ein Titel namens „Assassin’s Creed Singularity", der offenbar als Web3- und Blockchain-basiertes virtuelles Sammelkartenspiel geplant war. Man kann geteilter Meinung sein über Ubisofts Entscheidungen der letzten Monate – aber die Absage eines NFT-Kartenspiels dürfte wohl kaum jemanden aufgewühlt haben.

Rund um die Far-Cry-Marke gibt es zudem eine Expansion in Richtung Serienformat: Eine Anthologie-Serie ist in Zusammenarbeit mit Rob McElhenney (bekannt aus „It’s Always Sunny in Philadelphia" und „Mythic Quest") sowie Drehbuchautor Noah Hawley (Schöpfer von „Alien: Earth") in Entwicklung. McElhenney tritt dabei nicht nur als Produzent auf, sondern spielt auch selbst mit – in welcher Rolle, ist noch unklar. Solche Adaptionen können ein zweischneidiges Schwert sein, aber dieses kreative Team weckt zumindest echte Neugier.

Was bleibt, ist ein gemischtes Bild: Ubisoft kämpft mit Stellenabbau – zuletzt wurden 40 Entwickler beim Studio entlassen, das am Splinter-Cell-Remake arbeitet (das Spiel selbst soll laut Ubisoft trotzdem weitergeführt werden) – und gleichzeitig stemmt der Konzern eine ambitionierte Lineup an neuen Projekten. Das ist der Balanceakt, den viele Großstudios derzeit vollführen müssen. Ob die neue Struktur mit den Creative Houses dabei hilft oder nur die Komplexität erhöht, wird die Zukunft zeigen.

Für Fans der Marken bedeutet das Gute: Es kommt tatsächlich noch etwas. Ähnlich wie beim Cyberpunk-2077-Sequel Project Orion, das CD Projekt Red in kleinen Häppchen enthüllt, oder dem NieR: Automata-Sequel-Tease nach dem 10-Millionen-Meilenstein, geht die Gaming-Industrie gerade in die Vollen – Ankündigungen auf allen Kanälen, und die Spieler dürfen sich zurücklehnen und abwarten, was davon wirklich geliefert wird.

Meine persönliche Einschätzung: Das Far-Cry-Franchise braucht diesen Mut zur Veränderung dringend. Teil 6 war solide, aber die Formel wirkte erschöpft. Ein zeitkritischer Story-Thriller und ein ernstzunehmender Extraction-Shooter klingen auf dem Papier nach genau dem richtigen Wachrüttler. Bei Assassin’s Creed bin ich vorsichtiger – die Marke produziert seit Jahren im Abo-Tempo, und mehr Quantität ist nicht automatisch mehr Qualität. Aber wenn Ubisoft wirklich die Zeit nutzt, um etwas Besonderes zu schaffen, könnte 2027 oder 2028 ein spannendes Jahr für die Franchise werden. Daumen drücken.

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Quelle: Eurogamer – Ubisoft confirms a lot of new Far Cry and Assassin’s Creed games are in development